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Die
E-Gitarre hat, wie kein anderes Instrument, die musikalische
Entwicklung in diesem Jahrhundert geprägt. In einem
völligen Bruch mit der handwerklichen Tradition im
Zupfinstrumentenbau schuf Leo Fender 1948 ein Instrument,
das unter dem Gedanken der industriellen Reproduzierbarkeit
gestaltet wurde. Diese, ,,Telecaster' genannte Gitarre war
frei von traditionellem Ornament und sehr plakativ in ihrer
Erscheinung, denn sie bestand nur aus einem Brett mit einem
angeschraubten Hals. Dies und die Herstellung in
großen Stückzahlen machten die E-Gitarre schon
bald zum Schrittmacher der Popmusik.
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Mit dem
Aufkommen von Radio und Fernsehen entwickelte sich seit den
40er Jahren eine Generation von Musikern, die neben dem
musikalischen ebenso im visuellen Auftritt eine
gleichbedeutende Art der Darstellung fand. Musikalische
Formationen wurden kompakter, nachdem die
Verstärkertechnik entwickelt wurde. Wollte man
Lautstärke erreichen, war man nicht mehr auf
Mehrfachbesetzung von Instrumenten angewiesen. Ein einzelner
Interpret konnte so laut spielen wie ein ganzes
Orchester.
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Zugleich
war mit der Verkleinerung der Orchester mehr Raum für
den Ausdruck der einzelnen Musiker vorhanden, sowohl
für die klangliche als auch für die
körperliche Präsenz. Die Bands bekamen eine
Größe, die die Projektion von Sehnsüchten
und Wünschen des Publikums auf die einzelnen Musiker
ermöglichte. Eine allgemeine Rollenverteilung wies
jedem Bandmitglied eine bestimmte Rolle zu. Die einzelnen
Disziplinen waren in allen Bands nahezu gleich: Gitarre,
Bass, Schlagzeug, Gesang. Innerhalb dieses Systems bewegten
sich die Aussagen.
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Popstars
enstanden. Musiker wurden verehrt von einer jungen
Generation von Zuhörern, deren Beurteilung
musikalischer Qualität ganz anderen Kriterien unterlag,
als die der klassischen Musik. Die nicht beschreibbare
Präsenz einer Band und ihrer Mitglieder war
Maßstab für die Bewunderung, nicht mehr das
virtuose Beherrschen des Instruments als Solist vor einem
großen Orchester.
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Musiker,
wie Jimi Hendrix oder Pete Townshend entwickelten einen
Ausdruck, der weit über musikalische Artistik
hinausging. Sie schafften es, die Gedanken einer ganzen
Generation von Jugendlichen in Ihrem Spiel auszudrücken
und gaben dem Instrument das, was es zum wirksamen Werkzeug
einer Jugendkultur machte: Unberechenbarkeit und
Gefährlichkeit. Die Gitarre diente auf der Bühne
als Leinwand, als Phallussymbol, als Sexobjekt, als Waffe,
als Wurfobjekt und als elementarste Form von Lärm. Rock
,n' Roll als körperliches Erlebnis sowohl für
Musiker als auch Publikum. Die Jugend hatte Ihr eigenes
Medium erfunden. Zugleich Theater und Konzert war Rock doch
fern jeglicher Konzession an die Gesellschaft und frei vom
Verständnis durch die Elterngeneration - geschaffen
für die Provokation. Rock ,n' Roll wurde ein Medium,
das die Jugend über nationale Grenze hinweg zu
synchronisieren vermochte.
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Mit den
aufkommenden Synthesizern entwickelten auch die Keyborder
einen eigenen, neuen akustischen Ausdruck und fanden darin
eine Zeit lang große Beachtung. Letztendlich konnte
sich das Keybord aber bis in die neunziger Jahre totz
extremster tonaler Verwandlungen nie völlig von seiner
burgeoisen Herkunft als Klavier lösen. Damit kam es
für die Popmusik als Objekt zur Distanzierung von der
Gesellschaft nur bedingt in Frage. Als traditionelles
Instrument des Volkes hatte die Gitarre keine
Glaubwürdigkeitsprobleme. Mit einer Gitarre oder einem
Bass konnte man z. B. auf der Bühne Sex haben, ein
Schlagzeug konnte man in die Luft sprengen, mit einem
Synthesizer aber konnte man nur Intellektuelle, oder
schlimmer, die eigenen Eltern beeindrucken. Als Waffe im
Austragen von Generationskonflikten war die Gitarre nicht
nur Instrument, sondern vielmehr Statement. Dabei kam ihr
natürlich auch zugute, daß man sie nicht mit
Kopfhörer spielen konnte. Zumindest behauptete man
dies.
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Nachdem das
Sezessionsbedürfnis einer Nachkriegsgeneration
erloschen war, entstand Raum für weitergehende
musikalische Entwicklungen. Die Gitarre hat ihre
Gefährlichkeit längst eingebüßt. Nicht
mehr nur Ausbruch war Inhalt der Musik sondern vielmehr
Reflexion von Gegenwart. Nebenher entwickelten sich aber
auch ebenso selbstbezogene manieristische Klangwerke. Neben
dem Hauptstrom der musikalischen Entwicklung gab es jedoch
immer eine Kontinuität des Aufbegehrens und
Provozierens. Stilrichtungen wie Garage, Punk, Metal,
Hardcore und Industrial zeigen die immer noch andauernde
Ausdifferenzierung des Nebenstromes.
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Begleitet
wurde diese Entwicklung durch einen Koppelungsprozeß
von musikalischer Veränderung und Fortschritt im
lnstrumentenbau. Wo immer mit Defekten oder verborgenen
Eigenschaften der Instrumente eine neue Ausdrucks- oder
Provokationsform entdeckt wurde, zogen die Hersteller sehr
bald auch mit der technischen Veränderung nach.
Parallel entstanden eine Anzahl von Effektgeräten,
die,in den Signalweg von Gitarre und Verstärker
eingeschleift, weitere Manipulationen ermöglichten.
Eine nie gekannte Vielfalt an Klangfarben und Klangeffekten
ließ sich nun erzeugen.Verstärker und
Lautsprecherboxen wurden neu konzipiert, um
Rückkopplungen, die bis dahin eher als störend
empfunden wurden, absichtlich zu ermöglichen und
beherrschbar zu machen. Die Gitarre als Werkzeug zur
Klangmanipulation wurde schließlich technisch so
verfeinert, daß von Leo Fenders Urentwurf nur noch
zwei Dinge übrigblieben: Brett und Hals. Zahlreiche
interessante Entwicklungen verliefen im Sand, andere
verschafften sich eine dauerhafte Position, wie z.B.
Gitarren von Ned Steinberger oder Ken Parker.
Erwähnenswert sind auch die Instrumente von Jerry
Auerswald, deren freie formale Anmutung dem medialen
Charakter von Pop wohl am meisten nahekommt. Daneben gibt es
von verschiedenen Herstellern natürlich viele
Detailentwicklungen, die heute längst Standard sind im
lnstrumentenbau.
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Von einer
endgültigen Entwicklung ist die Gitarre sicherlich aber
noch weit entfernt. Als Instrument des Volkes war sie immer
naheliegendstes Ausdrucksmittel von Melodie und Botschaft
Einfach erlernbar und billig erhältlich, wurde sie
unentbehrlich für Komposition und Interpretation des
Songs. Ihre Bedeutung für den Song ist heute
unverändert.
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Würde
man mit dem Einzug der Verstärkerstechnik die
Ablösung der Orchestermusik als ersten großen
Einschnitt betrachten, so findet in den neunziger Jahren
durch die Verwendung der lnformationstechnik der zweite,
vielleicht noch tiefer gehende Bruch mit der Tradition
statt. Nach der Pop-Moderne nun die Postmoderne. Alles
scheint bereits ausprobiert und ausgereizt zu sein. Musik
wird jetzt Gegenstand von Organisation und nicht mehr nur
von Interpretation. Geräusche, Töne und
Musikfragmente werden addiert und subtrahiert, verfremdet,
zerschnitten und neu aneinandergereiht. Daß die neuen
Stile wie Drum & Bass, Techno, Dub, Ambient etc. bereits
im Massen-Pop konventionalisiert sind, zeugt von einer
veränderten Wahrnehmung von Musik. Unmittelbarkeit,
Improvisation und Interpretation treten in den Hintergrund.
Gleichzeitig löst sich die Popmusik mit der Verwendung
von Zitaten und Collagen von der personalen Bindung an einen
künstlerischen Autor, der sich als den alleinigen
Ursprung seiner Werke und Interpretationen bezeichnen
kann.
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Ich glaube,
daß die Zukunft der Gitarre immer noch in ihrer
Unmittelbarkeit liegt. Als körpernahes Medium zum
Ausdrücken von Rhythmus und Harmonie kann sie ein
Gefühl der Echtheit des Moments schaffen, das mit dem
Computer nicht denkbar ist. Die Gitarre ist längst frei
vom Ballast des Aufklärerischen der letzten Jahrzehnte.
Nun geht es vielmehr darum, neue Antworten im
Instrumentenbau auf die aktuelle Musik zu finden. Die Art,
wie eine Gitarre gespielt werden kann, also Anschlagen und
Verkürzen der Saiten - man könnte dies als das
Interface der Gitarre bezeichnen - diese Art wird in der
Entwicklung sicherlich eine Konstante bleiben. Dieses
Interface beschreibt den spezifischen Ausdruck des
Instruments Gitarre als rhythmisches Schlag- oder
Zupfinstrument. Die schlagende Hand macht den Rhythmus, die
Greifende folgt ihr zur Tonmodulation. Betrachtet man
dagegen das Interface der Tasteninstrumente, nämlich
das Keybord aus schwarzen und weißen Tasten, so kann
man feststellen, daß dessen Entwicklungsstufen von
Orgel, Cembalo, Piano und Synthesizer stets einer anderen
spielerischen Attitüde des Musikers Rechnung tragen. In
der Rhythmik der Gitarre sehe ich noch ein großes
Gestaltungspotential. Dem widmet sich mein laufendes Projekt
,,tesla" als Industrial- oder Hardcore-Gitarre.
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Die
aktuelle Entwicklung, die seit Anfang der neunziger Jahre
andauert, zeigt wieder eine deutliche Hinwendung zum
Archetyp, der Telecaster und der Stratocaster an.
Unverständlich aber, weshalb ein Instrument, das die
großen Moden dieses Jahrhunderts so maßgeblich
mitgeprägt hat, heute in seiner weiteren formalen und
technischen Entwicklung so sehr eingeengt wird.
Müsste ich meine eigenen Instrumente zeitlich
einordnen, so würde ich sie klar in der musikalischen
Postmoderne sehen. Musik ist nicht mehr Forum des Diskurses,
alles hat bereits seine Funktion erwiesen. Gitarren sind
nicht mehr revolutionär, wie auch immer sie
aussehen.
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Seit
nunmehr 1984 baue ich Gitarren, seit 1988 nur noch
E-Gitarren. Während meines Studiums des Produktdesign
1992 bis 1997 hatte ich die Möglichkeit, meine eigene
Arbeit von einem Standpunkt aus kennenzulernen, der nicht
nur von handwerklicher Tradion bestimmt ist. Neben
völlig anderen Projekten enstanden zu dieser Zeit aber
auch die ersten Gedanken zu Instrumenten wie birdfish und
tesla.
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Jeder gute
Gitarrenbauer weiß, durch welche Konstruktion und mit
welchem Material er einen bestimmten Klang erzeugen kann.
Die Kunst liegt aber darin, dem Instrument neben dem Klang
auch eine ganz bestimmte Erscheinung oder Wirkung zu geben.
Ich begreife meine Instrumente als kategorisch. Dies
bedeutet, daß jedes Instrument eine bestimmte
zeichenhafte Bedeutung und Funktion im Popkomplex hat. Man
kann dies mit der Kleidung, die wir tragen, vergleichen.
Deren Wahl treffen wir sowohl nach ihrer Funktion, z. B. als
Berufs-, Sport-, Winterbekleidung etc., als auch nach dem
modischen Ausdruck, zu dem wir uns dann bekennen. So wird
man auch als Musiker sich entscheiden, welche Aussage man
mit der Wahl seines Instruments treffen will.
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Ulrich
Teuffel
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